Hans-Jürgen Lange: Die Heilige Lanze oder der Speer des Schicksals?

Zur Gegenwart des Grals gehören nach den ersten literarischen Quellen, ein Schwert, eine Platte und eine Lanze, von deren Spitze Blut tropft. Dem Hüter des Grals, dem am Schenkel schwer verwundeten Fischerkönig Amfortas, verschafft diese mythische Waffe Linderung. Im "Parzival" beschreibt Wolfram von Eschenbach, daß die durch Gift glühendheiße Spitze seiner Wunde die Schmerzen nahm, weil sie die eisige Kälte aus dem Körper trieb.

"So weh wie nie vorher tat ihm der Frost, deinem lieben Oheim. Da mußte nun das Eisen des Speers in seine Wunde hinein: Das eine Übel sollte für das andere helfen. Da wurde der Speer blutig rot. Wenn gewisse Gestirne heraufkommen, so bringt ihr Regime dem Volk dort Jammern und Weinen –" Der letzte prophetische Satz läßt an die christliche Entsprechung dieser Gralslanze denken, dem Speer des römischen Legionärs Longinus, der Christus am Kreuz durchbohrt haben soll. Als Reliquie gehört diese vermeintliche Speerspitze zu den Insignien des heiligen römischen Reiches deutscher Nation, die heute in der Schatzkammer der Wiener Hofburg zu besichtigen sind. Wenn man ihre wechselvolle Geschichte betrachtet, stellt man fest, daß es nicht die einzige Lanze war, von der man annahm, sie sei der Speer des Longinus gewesen.

Zur Zeit der Reformation sah man in ihr nur noch eine zweifelhafte Reliquie. In den Jahrhunderten davor war ihre Bedeutung ungleich höher, weil sie als "Reichslanze" in den Händen der Könige und Kaiser ein Symbol der Macht gewesen war.

 

Bevor ich auf die dokumentierte Chronologie der Lanze eingehe, ist es notwendig, sich näher mit der neuen und weitreichenden Popularität zu beschäftigen, die der “Speer des Schicksals” durch den Engländer Trevor Ravenscroft erhielt. Sein gleichnamiges Buch verschaffte den sogenannten "Okkulten Wurzeln des Nationalsozialismus" reichlichen und nachhaltigen Auftrieb.

Seine Spekulationen beinhalten folgendes: In der Zeit zwischen 1909 und 1913, als sich der junge Adolf Hitler in Wien mehr schlecht als recht durchschlug, habe der später führende Anthroposoph und Doktor der Philosophie, Walter Johannes Stein, Kontakt zu Hitler bekommen. Dies sei über einen undurchsichtigen Antiquar geschehen, bei dem er eine Parzival-Ausgabe gekauft hatte. In dem Buch sollen umfangreiche Randbemerkungen Zeugnis darüber abgelegt haben, daß der Vorbesitzer außergewöhnliches okkultes Wissen besaß. Es war natürlich Hitler. Und im September 1912 soll Stein Zeuge gewesen sein, wie sein neuer Bekannter in der Hofburg beim Anblick Speers Visionen seiner zukünftigen Macht hatte. Nach Ravenscroft hielt der wissende Besitzer des Speers das "Gedeih und Verderb" der Welt in den Händen. Durch eine Mescalin-Einweihung und einen Pakt mit dem Bösen hätte Adolf Hitler dann nach dieser ultimativen Macht gegriffen. Nur aus diesem Grund hätte er den "Anschluß" Österreichs betrieben und die Reichskleinodien schließlich nach Deutschland gebracht. Dort hätte es zwischen Himmler und dem "Führer" einen Machtkampf um den Besitz der Waffe gegeben, bei dem Himmler nichts anderes blieb, als der sehnsüchtige Blick auf eine genaue Kopie. In der nachfolgenden Zeit hätte dann der Speer Hitler von Sieg zu Sieg geführt. Erst als er ihn aus den Händen legte, soll sein Stern gesunken sein.

Soweit Ravenscrofts Ausführungen, die gerne geglaubt und von verschiedenen Kreisen dankbar aufgegriffen wurden. Als Beispiel sei hier nur Jan Uwe Holey, Pseudonym Jan van Helsing, genannt, der sich in der "braunen Esoterik-Szene" als Entdecker alter und neuer Weltverschwörungen einen gewissen Ruf erworben hat. Zu dessen "Zutaten" auch SS-Ufos und eine hohle Welt unter der Antarktis gehören. Bezeichnenderweise lobt er in seinen "Geheimgesellschaften" Ravenscrofts Buch mit den Worten "hervorragend recherchiert". Eine Äußerung von unfreiwilliger Komik, da die Veröffentlichungen des "Vampirjägers" sich durch eine ähnliche Qualität - die, der nicht gemachten Recherchen - auszeichnen.

Es soll an dieser Stelle beispielhaft die Quellenlage zu Ravenscrofts Buch und dem heiligen Speer näher untersucht werden. Im "Speer des Schicksals" werden drei Stränge miteinander verknüpft, die in der historischen Wirklichkeit nicht die konstruierten Berührungen besaßen: Adolf Hitler, Dr. Walter Johannes Stein und die Insignien des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation.

 

Wenn Ravenscroft zu seinen Spekulationen überhaupt Quellen nennt, sind es meist deutsche Bücher, die für die Leser der englischen Erstausgabe meist nicht erreichbar waren. Desweiteren fällt schon bei einer oberflächlichen Betrachtung auf, daß er sich auch in Details bemüht, seinem Text eine bestimmte Tendenz zu geben. So übersetzt er Himmlers Organisation "Ahnenerbe" ins Englische mit "Occult Bureau" und so wurde es auch wieder ins Deutsche zurückübersetzt. Dieser Transfer der Verwandlung geschah auch mit einem Text von Hermann Rauschning. Der Autor Ravenscroft beginnt mit einem scheinbaren "Hitlerzitat" , in dem die "Schatzkammer" der Wiener Hofburg genannt wird. Damit suggeriert Ravenscroft, dies könne vielleicht in "Mein Kampf" vorkommen, tatsächlich nennt Hitler in seinem programatischen Buch weder "Schatzkammer", noch irgendetwas, das im weitesten Sinne die Lanze betrifft.

In der dazugehörigen Fußnote gibt Ravenscroft keine Quelle an, sondern er schreibt: "Hitler beschrieb die gleiche Vision dem einstigen Nazigauleiter Rauschning, der später zu den Alliierten überging. Es geschah in einem Gespräch, in dem Hitler die Mutationen der deutschen Rasse erörterte. 'Der Übermensch lebt jetzt unter uns! Er ist hier!' rief Hitler triumphierend aus. 'Genügt ihnen das nicht? Ich habe den neuen Menschen gesehen. Er ist unerschrocken und grausam. Ich hatte Angst vor ihm.' Als Hitler diese Worte sagte, zitterte er in einer Art Extase."

Bei Hermann Rauschning "Gespräche mit Hitler" steht im Original: "'Der neue Mensch lebt unter uns. Er ist da!' 'rief Hitler triumphierend. 'Genügt Ihnen das? Ich sage ein Geheimnis. Ich sah den neuen Menschen, furchtlos und grausam. Ich erschrak vor ihm.' Mir fiel plötzlich unser deutscher Dichter Stefan George ein. Hatte auch Hitler 'Maximin' gesehen? Ich spürte etwas wie die Verzückung eines Liebenden an ihm."

Mit der tendenziellen Übersetzung, in welcher der "neue Mensch" zum "Übermenschen" mutiert, stützt Ravenscroft seine vorhergehenden Ausführungen zu Nietzsche und Hitler, die in dieser Form ebenfalls spekulativ sind. Auch an anderen Stellen des Buches dient Hermann Rauschning in fataler Weise als Quelle für Hitlers okkulte Neigungen.

 

Mittlerweile ist bekannt, daß die scheinbaren "Gespräche" nichts anderes als Fälschungen sind. Bleibt nur noch anzumerken, daß Rauschning "Senatspräsident" in Danzig war und daß er gegen seinen erbitterten Widerstand zurücktreten mußte, weil er Differenzen mit dem dortigen "Gauleiter" Forster hatte. Seinen erzwungen Abgang stilisierte er später zu einem persönlichen Widerstand gegen das NS-Regime um. 1939 wurde der in Geldnot geratene Rauschning von einem Agenten des Pressebüros Emery Reves in Frankreich ermuntert, die "Gespräche mit Hitler" zu Papier zu bringen. Es ist sicher nicht verkehrt, das ganze Buch als ein Stück psychologische Kriegsführung zu betrachten, denn die deutschsprachige Erstausgabe erschient 1940 in New York.

Interessanterweise besitzt die englischsprachige Ausgabe noch ein weiteres Kapitel, "Hitler privat", auf das man in der deutschen Ausgabe verzichtete, weil es zu offensichtlich Propaganda war. Auch in anderen Details verbreitet Ravenscroft Unrichtiges. So schreibt er zweimal über Hitlers mystisch blaue Augen, was den Rückschluß zuläßt, daß der Autor in diesem Fall den "Führer" mit dem Schauspieler Hans Albers verwechselt hat, denn farbige Kontaktlinsen waren damals noch unbekannt. Und es gehört schon fast zum Wesen der spekulativen Literatur, daß Eigennamen falsch wieder gegeben sind. Bei Ravenscroft wird aus dem zweiten Leiter des "Ahnenerbes" Prof. Dr. Walther Wüst, ein "Wirrst" und aus dem im NS ungeliebten Intellektuellen Dr. Friedrich Hielscher, dessen Buch "Das Reich" übrigens verboten wurde, ein "Heilscher", der das teuflische "Ritual der erstickenden Luft" entwickelt haben soll.

Daß Hielscher eine bedeutende Rolle bei der Ausarbeitung der SS-Geheimlehre gespielt haben soll, stammt aus dem ebenfalls spekulativen "Aufbruch ins Dritte Jahrtausend" bei dem die Autoren Pauwels und Bergier natürlich durchgehend keine Quellen angeben. Bei ihnen heißt es allerdings "Zeremonie der dicken Luft". Ein schöner Beleg dafür, daß die Schwärmer untereinander abschreiben und glauben, damit ihre Worte in den Rang von Tatsachen zu erheben. Wer an historischen Fakten interessiert ist, kann diese bei Michael Kater "Das 'Ahnenerbe' der SS 1935-1945" nachlesen.

 

Tiefgreifend wird Ravenscroft auch an anderer Stelle: "Als der Reichsführer SS Heinrich Himmler 1933 Dr. Steins Verhaftung in Stuttgart anordnete, um ihn zur Mitarbeit im Okkulten Büro der SS zu zwingen, floh dieser aus Deutschland und brachte auf diese Weise sein höchst zuverlässiges Wissen über den Okkultismus der Nazipartei nach England."

Nun hat Himmler aber das "okkulte Büro" Ahnenerbe erst 1935 gegründet und 1933 war er mehr mit internen Machtkämpfen beschäftigt, als einen Mann zu verhaften, der nach meinen Informationen weder floh noch emigrierte, sondern im Mai 1933 einfach nur einer Arbeitseinladung nach England folgte. Denn seine rege Vortragstätigkeit in Europa, Nordafrika und der Türkei war in seinem Beruf als Lehrer auf wenig Verständnis gestossen. Ravenscroft erwähnt auch, daß Stein bei seiner Flucht die von den Nazis geplanten Invasionspläne unter dem Stichwort "Operation Seelöwe" mit nach England brachte. Woher Stein, der ab 1919 an der ersten Stuttgarter Walddorfschule unterrichtete, diese militärischen Pläne gehabt haben soll, bleibt wie vieles andere dunkel. Hitler erteilte die "Weisung Nr. 16" mit der Codebezeichnung "Seelöwe" erst im Juli 1940 an die Reichswehr. Und es wundert eigentlich nicht, wenn in der Stein-Biografie von Johannes Tautz der Nationalsozialismus überhaupt keine Rolle spielt und Dr. Walter Johannes Stein als Berater des Winston Churchill nicht genannt wird.

Im Gegensatz dazu spielt Stein in dem "Speer des Schicksals" eine sehr wichtige Rolle, laut Klappentext hat Ravenscroft bei ihm studiert. Vielleicht hat er ihn sogar persönlich kennengelernt, ob daraus aber ein naher und regelmässiger Kontakt entstand, wie es der Autor dem Leser nahe legt, bleibt mehr als fraglich. Zu Steins Lebzeiten hätte er das Buch jedenfalls nicht veröffentlichen können. Immerhin räumt er ein, daß Stein sich nie darauf einließ, direkte Fragen zu beantworten. Aber ganz offensichtlich wurde Ravenscroft von Steins Buch "Weltgeschichte im Licht des heiligen Gral." inspiriert, aus dem er inhaltlich ganze Passagen übernimmt und das einige detailierte Angaben zum "Speer" macht.

Von dort stammt auch, daß bereits der fränkische Heerführer Karl Martell bei seinen Schlachten die Lanze geführt habe. Selbst diese Angabe ist keinesfalls gesichert, nach dem Historiker Adolf Hofmeister ist es nicht mehr als ein Mißverständnis jüngeren Datums.

 

Zentrale Stütze bei Ravenscrofts Spekulationen ist allerdings die Annahme, daß die Lanze der Reichskleinodien der historische Speer ist, der Christus am Kreuz tatsächlich durchbohrt hat. Weil es schon im Mittelalter verschiedene Waffen gab, von denen man annahm, sie könnten die "Lanze des Longinus" sein, läßt der Autor den jungen Hitler in den Wiener Bibliotheken Nachforschungen machen. Es wird zwar nie geschrieben, daß Hitler dabei feststellte: "Ja, dies ist der Speer des Schicksals", aber im Verlauf des Buches wird das Handeln des späteren "Führers" immer so dargestellt, als ob es so gewesen wäre. Hätte Hitler die Bibliotheksarbeit wirklich gemacht, hätte er selbst zur damaligen Zeit leicht feststellen können, daß die Speerspitze in der Hofburg unmöglich die wahre "Lanze des Longinus" sein kann. Auch Walter Johannes Stein wird von Ravenscroft so beschrieben, als sei er fest überzeugt gewesen, die Wiener Schatzkammer beinhalte in wirkliche Passionslanze. In Steins Buch kann man anderes lesen.

Da eine karolingische Speerspitze aus dem 8. Jahrhundert keine okkulte Waffe sein kann und die ursprüngliche Konstantin- oder Mauritius-Lanze zwischen 1035 und 1099 verloren ging, erübrigen sich weitere Ausführungen zu Ravenscrofts "Speer des Schicksals".

 

Das Einzige, das Ravenscrofts Hirngespinsten etwas Kraft verleiht, ist die Tatsache, daß Heinrich Himmler die Wewelsburg bei Paderborn als Teil einer riesigen lanzenförmigen Anlage ausbauen wollte. Es ist wirklich nicht zu übersehen, daß in der ältesten Planungsphase (23. April 1941) ein Teil der Anlage dem Speer des Longinus ähnlich sieht - der letzte Stand (1941-42) zeigt aber eine andere Lanzenform, mit "ausgestanzten" Seitenteilen.

Dies entspricht eher der staatsrechtlichen "Reichslanze" wie sie Liudprand von Creomona schon 926 beschrieben hat. Die dreieckige nach Norden ausgerichtete Burg, legt natürlich solche Entwürfe nahe. Und die Führer, die sich hier treffen wollten, waren eindeutig die "Speerspitze" der SS. Wenn das Mitschwingen anderer Aspekte beabsichtigt war, entspricht die Idee der Anlage aber eher der blutenden und lindernden Gralslanze aus Wolframs Parzival.

Bemerkenswert ist dazu, daß in Westfalen zur Beendigung des Dreißigjährigen Krieges 1648 der "Westfälische Friede" geschlossen wurde. In seiner Folge zerfiel das einstige Reich in souveräne Einzelstaaten. Ein machtpolitisches Vakuum, das bis 1806 bestand. Eine architektonische Lanze, die die Wunde dort heilen sollte, wo man sie schlug?

 

Desweiteren wird gerne übersehen, daß Himmler kein feststehendes Konzept zur Wewelsburg hatte, was auch sein Adjutant Karl Wolff im Nürnberger Prozess zu Protokoll gab. So hieß es am Anfang noch Reichsführerschule-SS, später rückte man von dem Plan einer Schulungsstätte ab, was sich am deutlichsten in den Innenausbauten wiederspiegelte. Da die Struktur der SS nach dem Vorbild der Jesuiten ausgerichtet war, entspricht der letzte Stand eher einer Exerzitienstätte für die SS-Elite. Die ausführenden Architekten sprechen nach dem Krieg von dem "neuen Mittelpunkt der Welt", der hier entstehen sollte.

 

Hier nun die gesicherten Tatsachen: Die Lanzespitze der Reichskleinodien hat eine Länge von 50,50cm, aus der Mitte wurde eine spitzovale Öffnung herausgestemmt, wobei offenbar das Blatt brach. Die Bruchstelle ist dreifach verkleidet, zuerst mit einem schmalen Eisenband, dann mit einem breiten Silberblech und zuletzt mit einem Goldblech. In die Öffnung ist ein Nagel mit vier Verdickungen eingelegt. Die obersten Bleche tragen Inschriften. Auf der älteren silbernen steht in Latein: "Heinrich von Gottes Gnaden der dritte römische Kaiser, Mehrer des Reiches, ließ dieses Silber herstellen zur Befestigung des Nagel des Herrn und der Lanze des heiligen Mauritius". Auf der anderen Seite "Nagel des Herrn". Auf dem Goldblech ist zu lesen: "Lanze und Nagel des Herrn".

Die gewechselte Zuschreibung läßt sich auch in den urkundlichen Erwähnungen nachweisen, von denen hier die wichtigsten folgen:

 

918. Nach Widukind von Korvey übertrug König Konrad I. die Herrschaft auf seinen Nachfolger Heinrich I. durch Überreichung der Lanze, des Schwertes und der Krone.

926. Nach Liudprand von Cremona erhielt Heinrich I., wohl auf dem Reichstag zu Worms, die Lanze, die hier Konstantin dem Großen zugeschrieben wird, von König Rudolf von Burgund, der sie seinerseits von dem Grafen Samson in Italien erhalten habe.

936. Heinrich I. hinterließ seinem Sohn Otto die Herrschaft zusammen mit der Lanze.

939. Liudprand schreibt, den Sieg, den Otto I. über seinen Bruder Heinrich, Gieselbert von Lothringen und Eberhard von Franken erkämpfte, den Gebeten zu, die Otto I. an die heilige Lanze gerichtet hatte.

955. Bei der Schlacht auf dem Lechfeld trug Otto I. siegreich die heilige Lanze in die Scharen der Ungarn.

1002. Nach dem Tode Otto III. erhielt Heinrich II. nach seiner Wahl und vor der Krönung die Reichsgewalt. Mit der Lanze übertrug ihm dann einige Zeit später Herzog Bernhard im Namen der Sachsen die Herrschaft.

1032. Nach Hugo von Flavigny (um 1100) erhielt Konrad II. durch König Rudolf von Burgund zugleich mit der Krone die Lanze des heiligen Mauritius.

1086 Während der Kämpfe um Würzburg ging die heilige Lanze in der Schlacht bei Pleichfeld verloren, wurde aber bald darauf wiedergewonnen.

1088 Bei der Belagerung der Burg Gleichen in Thüringen wurde Kaiser Heinrich IV. von dem Marktgrafen von Meißen überfallen, erlitt eine schwere Niederlage und verlor dabei die heilige Lanze. Ihre Wiedergewinnung ist nicht überliefert.

1246. Im Trifels-Inventar wird die Lanze als Speer des heiligen Mauritius bezeichnet.

1354. Auf Wunsch Kaiser Karls IV. erkennt Papst Innozenz VI. die deutsche Reichslanze ausdrücklich als einzige echte Passionslanze an.

1424. Kaiser Sigismund übergibt der Stadt Nürnberg die Reichsinsignien und Kleinodien zur ewigen Verwahrung. Aufbewahrt wurden die alten Schätze des Kaiserreichs in der Spitalkirche, und jedes Jahr, vierzehn Tage nach Karfreitag, vom "Heiltumsstuhl" aus, dem Volk gezeigt, bis sie 1796 vor den belagernden Franzosen in Sicherheit gebracht wurden.

Am 29. Oktober 1800 übernahm sie dann der Schatzmeister der Hofburg in Verwahrung. Erst nachdem Österreich "heim ins Reich" fand, kamen die Reichsinsignien 1938 wieder zurück nach Nürnberg und verblieben in der St. Katharinenkirche. 1946 übergaben dann die Amerikaner die ausgelagerten Schätze erneut der Wiener Hofburg.

 

Die Meinungen darüber, ob es sich bei allen Beurkundungen um dieselbe Lanze handelt, gehen stark auseinander. Während die meisten Historiker von dokumentierten Erwähnungen ausgehen, wurden auch neue Wege beschritten, so stützt A. Müllner seinen Nachweis, daß die Lanze der karolingischen Zeit angehört, auf eine Materialuntersuchung. Die Tatsache, daß es sich bei dem Wiener Eisen unmöglich um die Lanze des Longinus, des heiligen Mauritius oder Konstantin des Großen handeln kann, wurde auch in der Zeit des Nationalsozialismus von keiner Seite mehr bestritten.

 

 

Einige Literatur über die Reichskleinodien:

Quirin von Leitner: Die hervorragenden Kunstwerke der Schatzkammer des allerhöchsten Kaiserhauses. Wien 1870/73

Quirin von Leitner: Die Schatzkammer des allerhöchsten Kaiserhauses. Wien 1880

Julius von Schlosser: Die Schatzkammer des Allerhöchsten Kaiserhauses in Wien. Wien 1918

Julius von Schlosser: Die Reichskleinodien. Wien 1920

Arpad Weixlgärtner: Die weltliche Schatzkammer in Wien (Jahrbuch der kunsthistorischen Sammlung in Wien. Neue Folge Bd. I.) Wien 1926

Arpad Weixlgärtner: Geschichte im Widerschein der Reichskleinodien. Historisches Geleite durch die Wiener Schatzkammer. Baden bei Wien, Leipzig 1938

Georg Haupt: Die Reichsinsignien. Leipzig (1939?)

Heinrich Kohlhausen: Die Reichskleinodien. Bremen, Berlin (1938?)

Adolf Hofmeister: Die heilige Lanze, ein Abzeichen des alten Reichs. Breslau 1908

A. Müllner: Die Lanze des hl. Mauritius in der Schatzkammer a. H. Kaiserhauses (Berg- und Hüttenmännisches Jahrbuch der k. k. motanistischen Hochschulen zu Loeben und Pribram) 1914

Otto Höfler: Das germanische Kontinuitätsproblem (Schriften des Reichsinstituts für Geschichte des neuen Deutschlands) Hamburg (1936?)

Albert Brackmann: Die politische Bedeutung der Maritiusverehrung im frühen Mittelalter (Sitzungsbericht der preußischen Akademie)


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