Hans-Jürgen Lange: Fliegen können sich nicht irren

(Erschien 2012 als Beigabe zu einigen Exemplaren von Katalog 8)

Während des hundertjährigen Kriegs war Gilles de Rais 1426 Kampfgefährte von Jeanne d’Arc, der Jungfrau von Orléans. Sehr erfolgreich, denn man ernannte ihn mit nur 25 Jahren zum Marschall von Frankreich. Er, der als einer der reichsten Männer seiner Zeit galt, wurde schon bald nach seiner Feldherren-Karriere als Kinderschänder und Serienmörder verurteilt und hingerichtet. Noch heute sieht man in ihm das vertierte Ungeheuer(1).

Gilles de Rais, der angeblich 800 Kinder für schwarzmagische Zwecke ermordet hat.

Was ich über die historische Person aus dem 15. Jahrhundert erfahren konnte, stammt aus Büchern und fast alle Autoren vertreten die Auffassung, dass dieser Mann auf sadistische Weise Hunderte von Kindern ermordet hat(2). Die Zahlen der Opfer schwankt stark und mitunter werden über 800 abgeschlachtete Jungen und Mädchen genannt. Wenn dies die historische Wahrheit ist, beinhalten sie am Rande des Unbegreiflichen ein interessantes Problem, denn wie es heißt, ließ Gilles de Rais schwarzmagische Beschwörungen vornehmen und suchte den Pakt mit dem Teufel. Die Frage dazu ist, sind magische, schwarz-magische Beschwörungen erfolgreich? Besonders weil den damals Praktizierenden alles zur Verfügung stand und Ihm keine Grenzen gesetzt waren, alles denkbare und undenkbare war möglich. Die Texte besagen unter anderem, dass dazu Herz, Augen und Hände eines unschuldigen Kindes gefordert waren.

Als man mich vor ein paar Jahren um einen Beitrag für das erste „Heidnische Jahrbuch 2006“ bat, wollte ich genau darüber schreiben, aber die Herausgeber winkten ab. Ein Text über einen vermeidlichen homosexuellen Kindermörder in einem Buch, das der Selbstdarstellung der Neuheiden dienen sollte, war nicht erwünscht. Ich habe mich dann der Sache anders genähert und über christliche Wunder im Gegensatz zum heidnischen Wunder geschrieben. Die kleine Arbeit endet mit der Frage: Können Wunder geschehen in einer Welt ohne Menschen? Was auch die Frage nach der Magie, nach dem herbei beschworenen Wunder beinhaltet. Ich erinnere mich an eine damalige Buchbesprechung eines Lesers bei Amazon, der meine Arbeit mit Unverständnis quittierte. Man hat mich auch nie wieder um einen Beitrag gebeten. Ich war wohl mit meiner ursprünglichen Idee der Zeit voraus, denn fünf Jahre später veröffentlicht jetzt einer der Herausgeber etwas über Gilles de Rais in seiner Schriftenreihe für Schamanimus, Okkultismus und Magie(3).
Um tiefer zu schürfen, sollte man aber selbst die überschaubaren deutschsprachigen Veröffentlichungen zu Gilles de Rais zu Rate ziehen und einiges lesen. Auch bei einer gestrafften Auswahl fallen einem in den verschiedenen Texten Widersprüchlichkeiten auf und darüber hinaus wird schnell klar, dass der historische Fall des Kindermörders oft nur für die jeweilige Interessenlage des Autors oder der Autorin nutzbar gemacht wird.

Dies ist bei den Literaten am offensichtlichsten, hier sei direkt auf Felix von Schlichtegroll und sein Buch „Gilles de Rais, das Urbild des Blaubart“(4) hingewiesen.
Carl Felix von Schlichtegroll (1862-1946), war Sekretär und Biograf von Sacher-Masoch [sic!], mit dem er wohl die Lust am Schmerz teilte, denn er verfasste zahlreiche flagellantistisch-sadistische Erzählungen. Unter dem Pseudonym Georg Friedrich Collas veröffentlichte er z.B. „Der Flagellantismus im Altertum“ (Leipzig 1932) und als Dr. Georg Cordesmühl übersetzte er auch Erotika. Da wundert es nicht, dass der Autor bei dem angeführten Buch den historischen Hintergrund dazu nutzte, um die Kindermorde und exzessiven Folterungen durch Gilles de Rais detailliert und genüsslich auszumalen.

So oberflächlich und durchsichtig ist es bei Joris Karl Huysmans, der mit seinem Roman "Là-bas"(5) in die Literaturgeschichte einging, nicht. Der Romanheld Durtal ist im Buch nicht nur Zeuge einer schwarzen Messe und eines okkulten Krieges, sondern selbst Verfasser einer Studie über Gilles de Rais, die in die Handlung eingestreut, wiedergegeben wird.
Für Huysmans ist Gilles de Rais eine äußerst gespaltene Persönlichkeit, zu der er an anderer Stelle schreibt: „Zuerst ist er der tapfere und fromme Krieger. Dann der raffinierte und verbrecherische Künstler. Zuletzt der reuige Sünder, der Mystiker.“(6) Diese Vielschichtigkeit mit seinen untergründigen Strömungen, sollte man nicht ohne die Biografie des Schriftstellers interpretieren, die sich in all seinen Werken wiederspiegelt.

Im Gegensatz dazu erscheint das Werk des französischen Schriftstellers Georges Bataille (1897-1962), „Gilles de Rais. Leben und Prozeß eines Kindermörders“, realer. Der Text macht, obwohl es keinen Quellenapparat gibt, schon beim durchblättern einen soliden Eindruck, schließlich ist der Autor auch nicht irgendwer. Doch dieser Eindruck täuscht, beim nachdenklichen lesen stellt sich sogar eine leichte Enttäuschung ein, denn Bataille ist kein distanzierter Historiker, der auch die Quellen kritisch untersucht, um einem vorschnellen Urteil aus dem Weg zu gehen.
Seine „Chronographie des Geschehens“ dient, vielleicht etwas überspitzt formuliert, letztlich nur dem Zweck den „Kindermörder“ als einen nicht untypischen Vertreter der herrschenden Klasse darzustellen: „Gilles de Rais gehörte zunächst einmal seiner Zeit an. Er ist einer dieser vernunftlosen Feudalherrn und teilt ihre egoistischen, müßigen und lasterhaften Vergnügungen. Wie sie lebt er in diesen klotzigen und luxuriösen Festungen inmitten von in seinem Dienst stehenden Bewaffneten und voller Verachtung für die übrige Gesellschaft.“(7)
Um das Fazit von Georg Bataille vorweg zunehmen: „Ich habe gezeigt, dass diese Tragödie die des Adels war, dieses tragischen und – wenn man will – manchmal sogar tragikomischen Menschenschlages.“(8)

Bataille scheut in diesem Zusammenhang auch nicht vor einem tendenziösen Vergleich zurück. Zu dem sechzehnjährigen Gilles und seinen Großvaters schreibt er: „Gilles und sein Großvater lassen uns an die Brutalitäten der Nazis denken.“(9) Oder er beschreibt die Kindermorde als Tat eines germanischen Berserkers: „Wenn Gilles de Rais ein Kind ist, dann ist er es in der Art, in der die Wilden es sind. Er ist kindlich wie der Kannibale, oder genauer: wie einer seiner germanischen Vorfahren [sic!], die durch keine zivilisierten Sitten im Zaum gehalten wurden [...] Die Wut der Berserker machte Ungeheuer aus ihnen [...] Die Religion der Germanen enthielt nichts, was diese Grausamkeiten und jugendlichen Ausschweifungen ausgleichen konnte. Es gab bei ihnen kein Priestertum, das wie bei den Galliern [sic!] oder Römern dem Rausch, der verwilderten Gemütsart und der Gewalttätigkeit Wissen und Abwägen entgegengestellt hätte.“(10)

Gilles de Rais ist also nicht ein Spross keltischer- und beileibe nicht gallischer Vorfahren, sondern ein Nachkomme gesetzloser Germanen. Und der Autor führt dies weiter aus: „Das Privileg der germanischen Krieger war es, sich über den Gesetzen zu fühlen und daraus gewalttätige Konsequenzen zu ziehen. Ich behaupte nicht, dass die jungen Adligen sich alle gleichermaßen wahnwitzig und toll betrugen, noch weniger, dass Waffenbrüder traditionell zur Homosexualität neigen, aber [...] Die Homosexualität musste, auch wenn sie den rituellen Charakter augenscheinlich verloren hatte, diese Dinge zweifellos erleichtern.“(11)

Wir habe es also bei dem Täter mit einem homosexuellen Ritter germanischer Abstammung zu tun. Und Bataille variiert das geschriebene, um es durch Wiederholung zu verstärken: „Rais’s Ritterlichkeit ist nicht im Sinne von Edelmut ritterlich. Rais ist in dem Sinne adlig, in dem es die germanischen Krieger waren. Sein Adel bedeutet eine nichtsachtende Wildheit, vor der alles weicht wie vor den Berserkern; eine solche Gewalttätigkeit isoliert denjenigen, den sie beseelt, von der Gesellschaft. Der Adel de Rais’ kündigt das Ungeheuer an.“(12)

Bei dieser Isolation von der „Gesellschaft“ frage ich mich, von welchem Teil der Gesellschaft? Gemeint ist wohl der adlige Teil gegenüber der bäuerlichen Gesellschaft und der mitschwingende Gedanke an die französische Revolution ist sicher nicht unbeabsichtigt. Bestimmt war nicht jene Gesellschaft von Christen gemeint, die Jeanne d’Arc 1431 in einem gekauften Schauprozess verurteilten und dann als Ketzerin verbrannten. Denn die christliche Gesellschaft war, und ist als Last der Vergangenheit, unauslöschlich von skrupelloser Gewalt geprägt. Eine Verwicklung, die übrigens auch Bataille Eingangs feststellt: „Das Christentum, so scheint mir, fordert nicht die Herrschaft der Vernunft. Vielleicht will es auch keine Welt, in der Gewalt ausgeschlossen wäre: Es rechnet mit der Gewalt. Was diese Religion sucht, ist Seelenstärke, ohne die Gewalt nicht ertragen werden könnte.“(13)

Neben diesen seltsamen Verrenkungen versucht Bataille bei jeder Gelegenheit dem Leser vor Augen zu führen, was für ein übler Charakter Gilles de Rais war, selbst bevor er als Kindermörder auffiel. Er stellt, wie im folgenden, das Unbewiesene ganz lapidar als Tatsache dar: „Gilles de Rais erträumte für sich selbst Herrscher zu sein. Nach dem Sieg von Orléans und der Krönung ließ er sich als Marschall von Frankreich ein geradezu königliches Wappen bewilligen.“ Andere schreiben über diesen Vorgang so: „Nachdem dieser am 17. Juli in Reims als Karl VII. zum König gekrönt worden war, ernannte er Gilles noch am selben Tag zum Marschall von Frankreich. Nach der Erstürmung von Paris gewährte der König ihm das Recht, das Wappenzeichen Frankreichs, die Fleur-de-Lis, als Saum zu seinem eigenen hinzuzufügen, dieses Privileg wurde jedoch niemals bestätigt.“(14)

Auf der anderen Seite macht Bataille genau dies Vorgehen Joris-Karl Huysmans zum Vorwurf, weil dieser in Gilles de Rais auch einen der kultiviertesten Menschen seiner Zeit sieht: „Streng genommen begründet Huysmans seine Meinung damit, dass der Marschall von Frankreich gleich ihm versessen nach Kirchenmusik und Kirchengesang war. Daraus zieht er überraschende Schlüsse aus Äußerlichkeiten, die nichts beweisen.“(15) - wohlgemerkt, neben einigen positiven Facetten stellt Joris-Karl Huysmans in seinem Roman "Là-bas" Gilles de Rais ebenfalls als Kinderschänder und Serienmörder dar.

Es gibt aber auch andere Stimmen, die den ganzen Fall für eine abgekartete Sache halten. Mit schlichten Worten, dass der Beschuldigte und Verurteilte Gilles de Rais eben nicht der vielfache Kindermörder war, wie es allgemein angenommen und geglaubt wird. Selbst Bataille erwähnt dies im letzten Viertel seines Buches. Er nennt einen Satz von Voltaire, der in diese Richtung zielt: „In der Bretagne richtet man den Marschall de Rais hin, der angeklagt war, Magie getrieben und Kinder ermordet zu haben, um aus ihrem Blut angebliche Zaubermittel herzustellen.“(16) Des Weiteren den Autor Fernandez (Pseudonym Fernand Fleuret) mit dem Titel „Le Procès inquisitorial de Gilles de Rais“ (Paris 1922)(17) und eine Veröffentlichung des Philologen und Religionswissenschaftlers Salomon Reinach (1858-1932)(18); um letzteren zu entkräften, greift Bataille zuerst dessen Methodik an. Er bezeichnet ihn als „naiven“ Wissenschaftler, was angesichts seines Lebenswerks, eine fast böswillige Unterstellung ist. Doch die aufgezeigten Fakten kann Bataille nicht schlüssig entkräften. Reinach schreibt: „Die beiden belastendsten Aussagen von Gilles’ Dienern Henriet und Poitou beziehen sich auf Vorfälle, die schon mehrere Jahre zurückliegen, auf sehr komplexe Verbrechen; nun, sie stimmen bis in die unbedeutendsten Einzelheiten miteinander überein; es besteht zwischen ihnen kein einziger Widerspruch von einigem Belang; weder in der einen noch in der anderen findet sich irgendeine Abweichung, wie man sie natürlicherweise erwarten würde.“(19) Interessanterweise sind Henriet und Poitou, die einzigen, die zusammen mit Gilles de Rais hingerichtet wurden.

Und Reinach führt weiter an, dass der Schwarzkünstler Francois Prelati vom dem Inquisitionsgericht nicht angemessen bestraft wurde, dies wiegt um so schwerer, da seine Bemühungen hilfreiche Dämon zu beschwören für die Kirche reinste Ketzerei war, etwas für das es keine Gnade gab.
Bataille erwähnt zwar bei Prelati lebenslängliche Haft, räumt aber ein, dass der scheinbar Verurteilte nur wenig später von René d’ Anjous zum Hauptmann von La Roche-sur-Yon ernannt wurde und dass sich dort ein ganzer Schwarm ehemaliger Diener des Barons de Rais einfindet(20). Straffrei bleibt auch der Mitangeklagte Roger de Briqueville, nach seiner gelungenen Flucht erhält er sogar eine Begnadigungsurkunde, mit der er allerdings alle Verbrechen des Gilles de Rais bestätigt. Offensichtlich war damit den Richtern genüge getan.

Hinzu kommen andere Ungereimtheiten, wie die Zahl der Ermordeten. Die Anklageakte des Kirchenprozesses nennt „hundertvierzig oder mehr Kinder“. Dazu Bataille: „Aber auch die Zahl der durch genaue und offensichtlich ernstzunehmende Aussagen bekannter Opfer kann keine Klarheit schaffen [...] Es ist also statthaft zu sagen, dass fünfunddreißig Opfer dieses Minimum darstellen [...]“(21)
Ein anderer Autor schreibt: „Trotzdem die Anklage auf Ermordung von 140 kleinen Kindern lautete, hatte man im ganzen nur 10 Weiber aufzutreiben vermocht, die über den Verlust ihrer Kinder Klage führten. Diese sollten für Gilles von einer Weibsperson eingefangen worden sein, die sich Perrine Martin nannte und bereitwillig alles gestand, aber – selbstverständlich – deshalb keineswegs gerichtlich verfolgt wurde.“(22)

An dieser Stelle kann man sich wirklich nicht des Eindrucks erwehren, dass es wohl nur um eines ging: Gilles de Rais zu verurteilen und hinzurichten. Mit einem weltlichen Gericht wäre dieser Ausgang nicht sicher gewesen. Was aber den rettungslosen Untergang des Gilles de Rais besiegelte waren die verschiedenen Anklagepunkte zur Ketzerei, womit die Verurteilung durch die kirchliche Inquisition von Anfang an fest stand.

Nun könnte man einwenden, dass Gilles de Rais am 21.10.1440 doch ein „außergerichtliches Bekenntnis“ ablegte(23) und dass er es „Gutwillig, ohne Zwang und leidvoll“ ablegte. Worauf die Ankläger und Richter auf die Anwendung der Folter verzichten. Am 13.10.1440 hatte Gilles de Rais noch die Autorität der Ankläger abgelehnt und die Richter als „Ablasshändler“ und „Hurenjäger“ bezeichnet. „Er sagt, ‚er würde lieber mit einem Strickt um den Hals erhängt werden als solchen Richtern und solchen Geistlichen Rede und Antwort zu stehen’“. Nach mehrmaligen Ermahnungen wird die Exkommunikation ausgesprochen.“(24) Am 15.10.1440 gesteht er dann alle ihm vorgeworfenen Verbrechen und erkennt die Richter als kompetent an. Man hat den Angeklagten also inoffiziell zwei Nächte und einen Tag lang gefoltert. Am 20.10 verlangt der Ankläger, diesmal ganz offiziell, dass Gilles de Rais „den Fragen und den Foltern“ unterworfen werden solle. Worauf es zu dem erwähnten, erweiterten Geständnis kommt und man auf die „erneute“ Folter verzichtet. Er wird am 26.10 erhängt [sic!] und halb verbrannt gestattet man fünf Damen, den Leichnam zu bestatten. Die bereits festgesetzte Buße beträgt 50.000 Goldtaler.

Bezeichnenderweise tritt in der Neuzeit ein Mann für Gilles de Rais ein, der von der Presse selbst schon einmal als „Der verruchteste Mann auf Erden“ bezeichnete wurde: Aleister Crowley.

In seinem Vortrag „Gilles de Rais. The Banned Lectur“ greift Crowley nicht zu unrecht die Kirche an: “Was ist die präziseste und grauenhafteste Anklage, die man gegen ihn erhebt? Daß er im Laufe von alchemistischen und magischen Experimenten 800 Kinder geopfert hat? Ich möchte ergebendst bemerken, a priori, dies klingt etwas unwahrscheinlich. Gilles de Rais war Herr über ein Gebiet, dessen Einwohnerzahl nicht sehr hoch gewesen sein konnte und sogar in dieser Zeit der Leibeigenschaft, der Armut und der Unwissenheit [...] muß es doch recht schwierig gewesen sein, Entführungen und Morde in dieser Größenordnung auszuführen. Sobald also Fragen in Zusammenhang mit schwarzer Magie, schwarzen Messen, Teufelsbeschwörungen usw. usw. auftauchen, darf nie vergessen werden, dass diese Praktiken im Grunde Bestandteile christlicher Lehre sind. Denn dort – und nur dort -, wo unwissende Wilde Sühneopfer darbringen, fasst der christliche Glaube Fuß. Unter all den großen Gesellschaftssystemen der zivilisierten Welt aber finde ich keine Spur einer derartigen Perversion religiösen Gefühls. Nur der blutrünstige, nichtsnutzige Jehova hat solche Monster geboren [...] So ist es nicht verwunderlich, daß Gilles de Rais oder jeder andere seiner Zeitgenossen, der schwarzen Magie verfielen, waren sie doch alle Katholiken.“(25)

Dieses Urteil, das Crowley allein auf Grund von logischen Schlussfolgerungen zieht, untermauert Georg Brandes in seinem Buch „Miniaturen“ auf andere Art und Weise: „Es hat den Anschein, dass Karl VII. um die Unschuld Gilles de Rais’ sehr wohl gewusst und dass auch der hohe Adel Frankreichs nicht daran gezweifelt habe. Gilles’ Tochter Maria vermählte sich mit Prégent de Coétivy(26), dem Admiral Frankreichs, und nach seinem Tode mit André de Laval, Admiral und Marschall von Frankreich. Die Familie erhob sofort Einspruch gegen die Gültigkeit des Urteils, und schon aus dem Jahre 1442 finden sich zwei königliche Schreiben darüber vor. In dem ersten heißt es, dass Gilles de Rais bei seiner Verhaftung an den König und das Parlament appelliert habe, doch keine Rücksicht darauf genommen worden sei; er sei zum Tode ‚ungebührliche und ohne Grund’ verurteilt worden. Der König tut daher dem Herzog Franz I., dem Sohne des 1441 verstorbenen Johann V., zu wissen, es würde gegen den Urteilsspruch nunmehr Berufung eingelegt werden. Das zweite königliche Schreiben ist an den Präsidenten und die Staatsherrn des Parlaments gerichtet und fordert zur Untersuchung der Ursachen von Gilles de Rais’ Verurteilung auf, ‚da man den seligen Gilles, ungeachtet seiner Unschuld, umgebracht hat und mehrfache Ungesetzlichkeiten stattgefunden haben’. Allein, es geschah nichts.“(27)

Warum? Keiner der einflussreichen Nutznießer hatte Lust die eingezogenen und unrechtmäßig erworbenen Güter wieder herauszugeben. Denn der Untergang des Gilles de Rais ist mit zwei Dingen aufs engste verknüpft: seinem märchenhaften Reichtum, der ihm so unverdient in den Schoß gefallen war und seinem schlichten Gemüt. Der furchtlose Haudegen war wohl mit einer großen Portion Naivität „gesegnet“, Winkelzüge oder politische Intrigen hatten in seinem Denken keinen Platz. Ein Einfaltspinsel(28), dessen Leichtgläubigkeit und Verwendungssucht nicht nur zahllose Beutelschneider, sondern auch Neider auf dem Plan rief. Als er zur rechten Zeit seinen Erfolg als Feldherr nicht nutzte, wurde er auf lange Sicht das leichte Opfer derjenigen, für die politische Macht und Geld noch eine gewichtige Bedeutung hatte.

Wenn man jetzt der Eingangs gestellten Frage nachgeht, über die Wirkung und Wirklichkeit der Magie, muss man zu dem Schluss kommen, dass sie in diesem Fall bedeutungslos, ja sogar fehl am Platze ist. Es mag vielleicht immer noch klug erscheinen, wenn Autoren feststellen, das bei den vielleicht ausgeführten Beschwörungen, die Gilles de Rais anscheinend in Auftrag gab, dass „Lemegeton vel Clavicula Salomonis Regis“(29) verwendet wurde. Ich finde es nichtig, wie vieles andere, dass so inhaltsschwer über diesen unglücklichern „Kadaver“ herbei geschrieben wurde und der ganze Schwärme unappetitlicher Fliegen anlockte, denn bei diesem Theater ging es von Anfang an, nur um eines: Macht und viel Geld.

1 Im Internet z. Bsp.: www.historische-serienmoerder.de oder: www.worst-killers.com.
2 Erstaunlicherweise teilen diese Auffassung auch neuere thelemitische Autoren, siehe: Dieter Natas-Hellson „Beiträge zur Geschichte der Satanshexen“, in: AHA Nr.1/2003. - Eine Ausnahme bildet Thomas Ritter mit „Der schwarze Ritter – Glanz und Untergang des Gilles de Rais“, auch wenn andere Beiträge in seinem Sammelwerk „Spuren ins Dunkel“ (Schleusingen 2001) diese Sicht schmälern.
3 In: Shekinah 8; Rudolstadt 2010
4 Erstausgabe 1908 im Leipziger Verlag (Leipzig).
5 Dtsch. Erstausg.: Joris Karl Huysmans: Da unten! Leipzig-Reudnitz, Magazin-Verlag Jacques Hegner, [1903]. Erschien später auch unter dem Titel: "Dort unten" oder "Tief unten".
6 Joris Karl Huysmans: Magie im Poitou. Gilles de Rais. Belleville, Verlag Michael Farin, München 1996, S.35.
7 Georg Bataille: Gilles de Rais. Merlin Verlag, Hamburg 1967. S.28.
8 Dass. S.67.
9 Dass. S.31.
10 Dass. S.42f.
11 Dass. S.45.
12 Dass. S.57.
13 Dass. S.13.
14 Wikipedia zu Gilles de Rais.
15 Georg Bataille: Gilles de Rais. Merlin Verlag, Hamburg 1967, S.40.
16 Essay sur Les Moeurs, LXXX.
17 Nach einem mir vorliegenden Titel : Dr. Ludovico Hernandez [sic]: Le Procès inquisitorial de Gilles de Rais Maréchal de France (Barbe-Bleue) avec un essai de Réhabilitation. Paris 1921.
18 Salomon Reinach: Gilles de Rais, in: Cultes, Mythes et Religions, Paris 1912, Bd. IV, S.267-299.
19 Dass. S.277-278.
20 Georg Bataille: Gilles de Rais. Merlin Verlag, Hamburg 1967, S.245.
21 Dass. S.237.
22 Georg Brandes: Miniaturen. Erich Reiss Verlag, Berlin [ca. 1922], S.185.
23 Georg Bataille: Gilles de Rais. Merlin Verlag, Hamburg 1967. S.229.
24 Dass. S.225.
25 Aleister Crowley: Gilles de Rais. The Banned Lecture. Edition Belleville, München 1988, S.25f.
26 Prégent de Coétivy nahm auch den Mitangeklagten Roger de Briqueville nach seiner Flucht in Stellung und schützte ihn.
27 Georg Brandes: Miniaturen. Erich Reiss Verlag, Berlin [ca. 1922], S.188f.
28 Über diese Charakterisierung sind sich viele Autoren einig, auch wenn dies unterschiedlich interpretiert wird.
29 E. M. Butler: Ritual Magic. Cambridge University Press, Cambridge u.a. 1979, S.103.


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